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  • "Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry" - von Rachel Joyce

    HaroldFryKlappentext: "'Ich bin auf dem Weg. Du musst nur durchhalten. Ich werde Dich retten, Du wirst schon sehen. Ich werde laufen, und Du wirst leben.' Harold Fry will nur kurz einen Brief einwerfen an seine frühere Kollegin Queenie Hennessy, die im Sterben liegt. Doch dann läuft er am Briefkasten vorbei und auch am Postamt, aus der Stadt hinaus und immer weiter, 87 Tage, 1000 Kilometer. Zu Fuß von Südengland bis an die schottische Grenze zu Queenies Hospiz. Eine Reise, die er jeden Tag neu beginnen muss. Für Queenie. Für seine Frau Maureen. Für seinen Sohn David. Für sich selbst. Und für uns alle.
    Ein ganz außergewöhnlicher und tief berührender Roman über Geheimnisse, besondere Momente und zufällige Begegnungen, die uns von Grund auf verändern. Über Tapferkeit und Betrug, Liebe und Loyalität und ein ganz unscheinbares Paar Segelschuhe."


    Manchmal ist es ja ganz interessant, wie man überhaupt auf die Idee verfällt, ein bestimmtes Buch zu lesen. Ich bin niemand, der die Belletristik-Charts durchguckt und sich dann die erfolgreichsten Bücher aussucht, meist lasse ich mich treiben, lass mir gerne was empfehlen. So surfte ich neulich auf der Amazon-Seite durch die Bücherauswahl und las dieses Brigitte-Zitat: "»An alle, die durch sind mit dem ›Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg‹: Macht euch mit Rachel Joyce auf ›Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry‹. Der ist zwar erst 65, verschwindet aber genauso aufsehenerregend.«" Da mir ja der "Der Hundertjährige..." extrem gut gefallen hatte, dachte ich, warum nicht?
    Ich hab jetzt keine Lust nachzuschauen, aus welchem Kontext dieses Zitat herausgelöst wurde, denn diese beiden Bücher kann man überhaupt nicht miteinander vergleichen. Die einzige Ähnlichkeit besteht darin, dass da zwei alte Herren recht unvermutet auf Reisen gehen, aber aus völlig unterschiedlichen Motivationen heraus und mit gänzlich anderem Hintergrund. Während "Der Hundertjährige..." eine Art Forrest Gump auf Speed ist, fantasievoll, unglaublich witzig und schelmisch, ist "Harold Fry" dramatisch und berührt den Leser bis ins Mark (also mich zumindest).

    Da ist also dieses Rentnerpaar - Harold, der jahrzehntelang für eine lokale Brauerei als Außendienstler gearbeitet hat, und Maureen, die Ehefrau, die sich in der Zeit um Haus und Sohn gekümmert hat. Beide bewohnen ein Häuschen im südlichen England, und schon bei ihrem ersten Dialog weiß der Leser, dass dies schon lange keine liebevolle Ehe mehr ist, sondern nur noch ein Nebeneinanderherleben. Völlig überraschend erreicht Harold dann ein Brief seiner ehemaligen Kollegin Queenie. Seit zwanzig Jahren besteht kein Kontakt mehr zwischen ihnen, aber ihre wenigen Zeilen, in denen sie sich von ihm verabschiedet, weil sie unheilbar an Krebs erkrankt ist, lösen etwas in ihm aus, etwas, das er in dem Moment selbst noch nicht überschauen kann. Er will ihr antworten, aber mehr als ein "Liebe Miss Hennessy, es tut mir sehr leid. Danke für Ihren Brief und Alles Gute..." fällt ihm nicht ein. Als er diesen Antwortbrief zum nächsten Briefkasten bringen möchte, läuft er einfach weiter, immer weiter, ohne zu wissen, wohin und warum. An einer Tankstelle macht er Halt und unterhält sich mit der leicht apathischen Bedienung, die ihm ohne es zu ahnen, einen Floh ins Ohr setzt. Plötzlich steht Harold in einer Telefonzelle, ruft im Hospiz in Berwick upon Tweed an, wo Queenie untergebracht ist, und sagt den Nonnen, er käme zu Fuß, und solange er unterwegs sei, soll Queenie leben.
    800 km vor sich, bekleidet in einem einfachen Anzug, Segelschuhen, ohne Handy, ohne Stadtplan, läuft Harold einfach los.
    Ein Trip, der für ihn physisch und psychisch zur Zerreißprobe wird. Aber nicht nur für ihn, auch der Leser erlebt ein Wechselbad der Gefühle.

    Auf seiner Reise wandelt sich die erste Unsicherheit in pure Euphorie, um dann wieder in Angst bis hin zur Verbissenheit und zum Ende, wenn Körper und Geist völlig erschöpft sind, in Verzweiflung und blindem Taumel zu wechseln. Er trifft auf Menschen, die mit ihm ihre persönlichsten Geschichten teilen, ihn berühren, ihm - ohne Gegenleistung zu verlangen - helfen, weil er und seine Hingabe sie faszinieren, auch ihnen vielleicht neue Hoffnung gibt. Für kurze Zeit wird er zum Medienstar und Beinahe-Messias und zieht falsche Jünger an, die nicht eine Sekunde lang begreifen, was ihn antreibt.
    Während seines Fußmarsches tritt Harold aber auch eine Reise zu sich selbst an. Er reflektiert über seine Vergangenheit, seine Fehler, Ängste, sein Versagen im Hinblick auf seine Ehe zu Maureen und seinem Sohn David. Und mit diesen Erinnerungen erfahren wir als Leser immer mehr über Harold, und man kommt einfach nicht umhin, großen Anteil daran zu nehmen, wie er Chancen verpasste, schon als kleiner Junge von seinen lieblosen Eltern darauf geeicht wurde, nicht aufzufallen, um irgendwann zum Zaungast seines eigenen Lebens zu werden.

    Ähnliches erlebt Maureen zuhause. Seit über vierzig Jahren an seiner Seite ist sie völlig perplex, als er sie von unterwegs anruft und ihr mitteilt, dass er spontan England von Süden gen Norden durchquert. Fassungslosigkeit wird abgelöst von Wut und dann von dem Gefühl der totalen Einsamkeit. Auch sie beginnt parallel über die letzten Jahre nachzudenken, räumt eigene Fehler ein und kann vielleicht einen wichtigen Schlussstrich ziehen.

    Ich persönlich habe dieses Buch als ziemlich schmerzvoll erlebt. Ich könnte gar nicht sagen, dass dies eine "schöne" Geschichte ist, dafür tut sie an manchen Stellen einfach zu weh, aber sie ist wundervoll und sehr berührend geschrieben, so sehr, dass ich meinen Kindle mitunter weglegen musste, um in der U-Bahn keinen Weinkrampf zu bekommen. Und ich sag mal so, auch trotz dass ich die Auflösung der Vergangenheit von Maureen und Harold recht früh erkennen und mich dafür wappnen konnte, war ich am Ende fix und fertig. Vielleicht hat mich das Schicksal der beiden so getroffen, weil ich in ihrem Verhalten leichte Parallelen erkannt habe - zu Menschen, an denen mir etwas liegt (möchte hier nicht ins Detail gehen, weil zu persönlich), aber ich glaube, ich habe mit jahrzehntelanger Verspätung manche Situation plötzlich begriffen oder aus der richtigen Perspektive gesehen, die sich mir als Kind nicht eröffnet hat. Und ich hatte zwischendurch das Gefühl, einer Generation nahe zu kommen, mit der ich sonst keinerlei Berührungspunkte habe.

    Fazit: Kein Buch für den schnellen Genuss zwischendurch oder dem Strandurlaub, sondern eher eine Studie über Lebenslügen, verpasste Chancen und ein Plädoyer dafür, dass es nie zu spät ist, sein Leben in die eigene Hand zu nehmen und es lebenswert zu gestalten.

    Wertung: 9 v. 10 Pkt

    "Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry" (Kindle-Edition)
    Autor: Rachel Joyce
    Broschiert: 384 Seiten, Krüger, Frankfurt; Auflage: 2 (14. Mai 2012), ISBN-10: 3810510793, ISBN-13: 978-3810510792
    Genre: Drama, Familie

  • Le(bens)sezeichen...

    Nur, weil hier seit Monaten nichts mehr geschrieben wurde, heißt das nicht, dass ich nichts lese.

    Momentan sitze ich an dem Roman "Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry" von Rachel Joyce. Ein Grund dafür, dass ich heute Abend nicht wie geplant meinen Filmblog weiterpflege, sondern gleich wieder meinen Kindle zücke und mit dem Lesen fortfahre.
    Kennt ihr das, wenn man beim Lesen in der Öffentlichkeit (z.B. Bahn) das Buch plötzlich weglegen muss, weil man es nicht mehr aushält? Weil es gleichermaßen schön als auch bitter und schmerzvoll ist und man sich nicht der Situation aussetzen möchte, vor allen Mitreisenden plötzlich einen Weinkrampf zu bekommen? So geht es mir gerade.
    Und deswegen muss ich nun einen Leseabend einlegen und kann hoffentlich spätestens übermorgen mehr über diesen berührenden Roman berichten.

  • "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" - von Jonas Jonasson

    der100jährigeKlappentext: "Eigentlich hat Allan Karlsson allen Grund zum Feiern: Er wird 100 Jahre alt. Das Problem ist nur, dass er im Altersheim festsitzt, noch alle Fünf beisammen hat und sein Körper sich weigert, das Zeitliche zu segnen - und zu allem Überfluss hat sich noch der Bürgermeister samt Presse angekündigt. Allan hat auf all das überhaupt keine Lust. Er steigt kurzerhand aus dem Fenster und verschwindet - zum Busbahnhof. Dort soll er nur kurz auf den Koffer eines jungen Mannes aufpassen, doch als sein Bus einfährt, beschließt Allan, den Koffer (der zum Glück Räder hat) mitzunehmen - nicht ahnend, dass sich darin keineswegs die erhoffte Wechselkleidung, sondern 50 Mio Kronen aus Drogengeschäften befinden. Und mit einem Mal sind nicht nur Polizei und Presse hinter dem 100jährigen her, sondern auch die schwedische Mafia. Allan denkt jedoch gar nicht daran, die Millionen zurückzugeben und ins Altersheim zurückzukehren. Niemals ..."


    Da ist der arme Autor mit einem so unkreativen Namen geschlagen und schafft eine Story, die so unfassbar fantasievoll ist und quer durch die Politikgeschichte der letzten einhundert Jahre die verrücktesten Kapriolen schlägt!
    "Der Hundertjährige..." ist ohne Frage eines der besten Bücher, die ich in jüngerer Vergangenheit gelesen habe. Im Vordergrund steht die Story um den alten Allan Karlsson, der keinen Bock auf seine Jubiläumsfeier hat, aus dem Altenheim flüchtet, einen Koffer am Busbahnhof klaut - in der Hoffnung, da könnten Schuhe für ihn drin sein, statt die dünnen Filzpantoffeln, die er an den Füßen trägt. Sein bisschen Taschengeld bringt ihn mit dem nächsten Bus quasi nur in den nächsten Wald, wo er den alten Dieb Julius kennenlernt. Die beiden verstehen sich toll, das eine oder andere Schnäpschen hilft, auch, als sich plötzlich ein krimineller Verfolger Karlssons einfindet, der versehentlich im Kühlraum erfriert. Nicht die einzige Leiche in diesem Buch. Schnell schauen die frischgebackenen Freunde in den Koffer und entdecken fünfzig Millionen Kronen, da dürften weitere Verfolger auf dem Weg sein. So ist es dann auch - eine Rockergang verfolgt die beiden, auch die Polizei - anfangs noch aus Sorge um den alten Mann, dann weil man ihn für einen Serienkiller hält. Unterwegs finden sie weitere Freunde, und einen Elefanten.

    Und als wäre das noch nicht genug, sind diese Erlebnisse nur die Aufhänger für die wahre Story, nämlich die Lebensgeschichte des Hundertjährigen, die parallel in Rückblenden und chronologisch nach Lebensabschnitten erzählt wird. Und die hat es in sich. Vergleiche zu Forrest Gump tun sich da leicht auf, da auch dieser im Film von Robert Zemeckis den mächtigsten Menschen aus Politik, Kultur und Sport die Hand geschüttelt hat. Aber dieser hatte nie wirklich Einfluss auf die Geschichte. Unser Allan Karlsson jedoch - der alles andere als einfältig oder geistig zurückgeblieben ist - der kannte sie alle. Ein einfach gestrickter Mann, das ist er sicherlich. Ein Gläschen Schnaps, und er sieht die Welt und seinen Gegenüber wohlwollend. Und hilfsbereit ist er auch, egal wer ihn um Hilfe bittet. Mit nur drei Schuljahren in petto kann er sich nicht gewählt ausdrücken oder verfügt über eine Allgemeinbildung. Aber fremde Sprachen eignet er sich im Nu an, als Teenager weiß er schon, wie man Bomben baut und sprengt Brücken in Spanien, die politische Ausrichtung ist ihm egal. Später begreift er ganz fix, was Kernspaltung bedeutet, und Oppenheimer erhält von diesem Angestellten, der nur den Kaffee servieren soll, den entscheidenden Tipp für eine funktionsfähige Atombombe. So hat Karlsson irgendwie auch Hiroshima und Nagasaki auf dem Kerbholz. Doch steckt in diesem Mann nicht ein einziger böser Gedanke.

    Und so schickt Jonasson seinen Allan quer durch die letzten hundert Jahre, durch alle politischen Weltanschauungen und Thesen, wir lernen was über die schwedische Zwangssterilisation, über den ersten Weltkrieg, über die Konflikte in Spanien, in Russland - später der Sowjetunion, in China, der Mandschurei, Allan wandert über den Himalaya, landet im Iran, wo er Winston Churchill das Leben rettet. Indirekt hat er auch was mit Stalins Schlaganfall zu tun und hat die Hände von General Franco genauso geschüttelt wie die von Harry Truman, Lyndon B. Johnson und Charles de Gaulle. Kim Jong Il saß als kleiner Junge auf Allans Schoß und Mao Tse Tung schenkte ihm Hunderttausende von Dollar, so dass er sich jahrelang auf Indonesien bunte Getränke mit Schirmchen servieren lassen konnte. Er hat fürs CIA gearbeitet, den Gulag überstanden und fast eigenhändig Wladiwostock zerstört, aber das haben die Russen verheimlicht.
    Direkt oder indirekt war Allan Karlsson an allen wichtigen politischen Ereignissen der letzten hundert Jahre beteiligt.

    Ich kann gar nicht beschreiben, wie viel Spaß dieser Roman macht. Anfangs hatte ich Bedenken, denn Johansson bedient sich einer recht einfachen Sprache und Erzählweise. Da ich normalerweise "lebendigere" Bücher, also Geschichten mit mehr Dialog, bevorzuge, kam mir das alles etwas märchenhaft und simpel vor. Aber je mehr man liest, desto mehr bekommt man das Gefühl, das Johansson damit exakt den richtigen Ton gefunden hat, und auf diese Art und Weise Allan Karlssons Gemüt am besten beschreibt. Man muss diesen kleinen Schelm einfach mögen, er möchte niemanden willentlich verletzen, aber wenn er eingesperrt wird, und es dazu nicht mal Schnaps gibt, dann findet er schon einen Weg, sich freizusprengen. Und das Glück ist ihm immer hold, so ist es auch kein Wunder, dass er dieses fast biblische Alter erreicht hat bei all den Abenteuern.

    Fazit: Das ist ein Pflichtbuch. Wirklich. Ich habe laut gelacht beim Lesen, aber auch sehr viel dazu gelernt und fand mich abends am Laptop wieder, wie ich bei Wikipedia die eine oder andere geschichtliche Lektion nachholte. Toll!!!

    Wertung: 10 v. 10 Pkt

    "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand"
    Autor: Jonas Jonasson
    Broschiert: 416 Seiten, dtv, 11. Auflage 2011, ISBN-10: 3570585018
    , ISBN-13: 978-3570585016
    Genre: Humor, Geschichte, Politik

  • "Erbarmen" - von Jussi Adler-Olsen

    erbarmenIm Jahr 2002 verschwindet die junge Politikerin Merete Lynggaard spurlos auf einer Fähre von Dänemark nach Deutschland. Alle Spuren führen ins Nichts, und die dänische Polizei kommt bald zu dem Schluss, dass sie wohl über Bord gegangen sein muss. Sie lässt einen geistig behinderten Bruder zurück.
    Jahre später. 2007 muss Vizepolizeikommissar Carl Morck einen schweren Schlag hinnehmen. Bei Ermittlungen wird auf ihn und seine Kollegen geschossen, einer stirbt, der andere - Hardy - überlebt, von nun an halsabwärts gelebt. Morck selbst kommt mit einer verhältnismäßig kleinen Wunde davon. Er fühlt sich schuldig und hat keine Lust mehr auf den Job. Da kommt es ihm gerade recht, dass sein Chef ihn als Leiter des neu bewilligten Sonderdezernats Q in den Keller setzt mit einem Stapel voller Akten - Fälle, die nie abschließend gelöst werden konnten. Wunderbar, denkt er sich, hier kann ich bis zur Rente sitzen und keiner will Ergebnisse sehen. Doch sein neuer syrischer Assistent (Putzhilfe und Kaffeekocher) Assad macht ihm einen Strich durch die Rechnung. Ihr erster Fall: Merete Lynggaard...


    So, nachdem die Romane um Carl Morck und sein Sonderdezernat von Jussi Adler-Olsen sich in meiner näheren Umgebung größter Beliebtheit erfreuen, hab ich es jetzt auch mal mit dem ersten Band "Erbarmen" versucht. Ich muss allerdings zugegeben, dass ich nach dem ersten Aufklappen des Buches erst mal an dem sowas von dämlichen Foto des Autors kleben geblieben bin, wer lässt sich denn so fotografieren? Und was soll das dem Betrachter sagen? Seht her, ich bin verwegen und sensibel? *lach* Kurz musste ich an Frank Überschätzuing denken, hab mich dann aber glücklicherweise der Geschichte zugewandt. Und die ist einfach nur großartig!
    Was dem Autor hier durchweg gelingt, sind feinste Charakterisierungen der handelnden Protagonisten, und das hört nicht bei den Hauptcharakteren auf, sondern auch von den Nebenfiguren kann man sich als Leser ein gutes Bild machen. Geradezu hinreißend ist die Beschreibung von Carls und Assads Zusammenarbeit. Den Kommissar kann man total verstehen, der hat einfach keinen Bock mehr, will nur noch seine Ruhe, aber bitte mit Gehalt, weil Ex-Frau Vigga ihm immer noch auf der Tasche liegt. Weil seine Brummigkeit auch dem Boss mächtig auf den Geist geht, sieht er die perfekte Chance, Carl loszuwerden: nämlich eine Beförderung. Gerade eben hat die dänische Regierung beschlossen, ein Sonderdezernat für ungelöste Fälle zu bewilligen mit einem Budget von 5 Mio Kronen, Geld, welches auch die Mordkommission dringend bräuchte. Also stampft Chef Jacobsen diese Abteilung aus dem Boden mit dem einzigen Mitarbeiter Carl - dem man das als Aufstieg verkaufen will - und krallt sich 4 der 5 Mio für die eigene Mordkommission. Doch Carl ist schließlich nicht blöd, stellt schnell fest, wohin das eigentliche Geld vom Staat fließt und nimmt sich vor, die Tage in seinem Kellerbüro zu verschlafen.
    Aber wenigstens eine Putze braucht er und jemanden, der Kaffee kocht - und so kommt Carl zu seinem neuen Assistenten, dem syrischen Flüchtling Assad, dem schnell langweilig wird, und der sich aus Neugier die Aktenstapel anguckt und nicht ganz unschuldig ist, als Carl sich vor Jacobsen fix eine Ermittlung ausdenken muss und auf das Verschwinden von Merete Lynggaard kommt. Assad erweist sich bei den nachfolgenden Untersuchungen als äußerst hilfreich, manchmal auch nervig (für Carls Empfinden), aber die beiden geben schon schnell ein gutes Team ab, bei dem sich beide gegenseitig nicht die Butter vom Brot nehmen lassen.
    Beide werden von Adler-Olsen sehr sympathisch dargestellt, der eine zwar etwas unwillig, der andere dafür begeisterungsfähiger. Assad ist in dem Buch schnell zu meinem Liebling geworden, und ich finde es schön, dass uns Adler-Olsen in Band 1 noch etwas über Assads Vergangenheit im Unklaren lässt, ich hoffe, in den weiteren Büchern erfährt man mehr über ihn und seine Familie.

    Neben den Ermittlungen gibt es einen zweiten Teil im Buch. Parallel zu Morcks Arbeit schildert der Autor das Martyrium der entführten Merete, führt uns auch bei ihr in ihre Kindheit zurück, wobei - und das ist das einzige Manko des Romans - dann sehr schnell klar wird, wer sie entführt hat und warum. Aber egal, die Schilderung von Meretes hingebungsvoller Pflege ihres geistig kranken Bruders Uffe, macht aus ihr eine Frau, mit der man sehr schnell sympathisiert. Im Folgenden leidet man mit Merete, und je näher die beschriebenen Qualen, die sie erleiden muss, vom Jahr 2002 ihrer Entführung hinein in die Romangegenwart 2007 rücken, desto mehr baut sich natürlich die Spannung auf.
    Der Showdown im letzten Drittel ist geradezu fulminant, und das Ende sehr sehr berührend, um nicht zu sagen kitschig, aber das darf nach einem so toll geschriebenen, spannenden und teilweise auch sehr humorvollen Buch auch mal sein.

    Fazit: Wer auf gut geschriebene Krimiliteratur steht und nordischen Autoren nicht abgeneigt ist, wird mit "Erbarmen" seine Freude haben.

    Wertung: 9 v. 10 Pkt

    "Erbarmen"
    Autor: Jussi Adler Olsen
    Taschenbuch: 419 Seiten, dtv, Taschenbuch, 7. Auflage 2011, ISBN-10:
    3423212624, ISBN-13: 978-3423212625
    Genre: Krimi, Thriller

  • "Eiskalt wie das Blut" - Michael Koryta

    eiskaltKlappentext: "Eric Shaw, ein in Hollywood gescheiterter Filmemacher, schlägt sich mit privaten Aufträgen durch. Eine Produktion über das Leben des 95jährigen, im Sterben liegenden Millionärs Campbell Bradford führt ihn in einen ehemals mondänen Kurort. Dort, in einer entlegenen Ecke von Indiana, gibt es Heilquellen und ein riesiges altes Hotel, das schon bessere Tage gesehen hat. Durch Zufall gelangt Eric in den Besitz einer Flasche Quellwasser, deren Inhalt merkwürdigerweise immer kälter wird. Als er aus Neugier davon trinkt, hat dies beängstigende Folgen..."


    Was der Klappentext unterschlägt, ist der Hinweis auf Eric Shaws Fähigkeit, Visionen zu empfangen, etwas, was dem Leser gleich zu Beginn mitgeteilt wird, und bei dem man sich überlegen sollte, ob man Lust hat, sich darauf einzulassen. Denn um einen normalen Thriller - wie von Knaur vorgegeben - handelt es sich nicht, eher um die Grusel light-Variante. Auch das erwähnte Hotel ist für die Handlung völlig unerheblich, also hier hat man keinen "Shining"-Abklatsch zu erwarten. Dennoch ist die Richtung nicht völlig falsch: "Eiskalt wie das Blut" hat ein bisschen was von einer der gelungeneren Kurzgeschichten Stephen Kings, nur halt auf über 500 Seiten aufgebläht, was die Schwäche des Buches ausmacht. Hier hätte man an einigen Stellen wirklich kürzen können, um die Story kompakter, knackiger und vor allem spannender zu machen.

    Trotzdem, die Idee dahinter, so etwas wie eine Geistergeschichte zu erzählen, in der die Seele eines unendlich bösen Menschen aus der Vergangenheit wieder Anker in der Gegenwart wirft, funktioniert. Der ohnehin schon sensibilisierte Hauptprotagonist Eric Shaw bekommt aufgrund des Genusses eines uralten angeblichen Heilwassers immer stärkere Visionen und muss erkennen, dass er derjenige ist, der dem Bösen den Weg zurück in die Heimat geebnet hat. Gut gefallen hat mir auch die Verknüpfung mit den Wetterphänomenen, die die Hobbymeteorlogin Anne beobachtet, die zudem ein wandelndes Archiv für die Geschichte des kleinen Ortes ist. Ein bisschen ratlos war ich bis zum Schluss über die Motivation dieser teuflischen Seele, das wird auch in der Auflösung eher mager erklärt. Hm, klingt jetzt etwas kryptisch, aber ich möchte nicht zu sehr spoilern. Ich sag mal so, wer ein bisschen Grusel mag - Horror kann man das nicht nennen - gepaart mit detektivischer Arbeit der Hauptfiguren, die den Visionen auf den Grund gehen wollen, der ist mit "Eiskalt wie das Blut" nicht schlecht beraten. Ich hab aber auch schon Besseres gelesen.

    Wertung: 6 v. 10 Pkt


    "Eiskalt wie das Blut"
    Autor: Michael Koryta
    Taschenbuch: 541 Seiten, Knaur, broschiert, 1. Auflage November 2011, ISBN-10: 3426508311, ISBN-13: 978-3426508312
    Genre: Krimi, Thriller, Horror

  • Puppengrab - von Kate Brady

    PuppengrabKlappentext: "Ein anonymer Anruf versetzt Beth Denison in Angst und Schrecken. Bislang war sie überzeugt, sich, ihr Kind und ihr neues Leben gut schützen zu können, denn die alleinerziehende Mutter und Antiquitätenexpertin trainiert schon seit Jahren Kickboxen und den Umgang mit Waffen. Doch nun scheint die Vergangenheit sie einzuholen: Erinnerungen kommen hoch, die Beth eiskalte Schauer über den Rücken jagen. Der Anrufer ist nicht irgendein Spinner, diese Gewissheit trifft sie wie ein Faustschlag. Es ist der Mann, vor dem sie quer über den ganzen Kontinent geflüchtet ist. In Todesangst sucht sie nach einem Ausweg für sich und ihre kleine Tochter Abby. Als Beth schließlich von FBI-Agent Neil Sheridan zu zwei Mordfällen befragt wird, die mit ihrer Handynummer in Verbindung zu stehen scheinen, ist die sonst so Unnahbare plötzlich froh, den Agent an ihrer Seite zu haben. Sheridan hingegen ist irritiert, ist Beth tatsächlich völlig ahnungslos, oder treibt sie ein perfides Spiel mit der Polizei?"


    Kate Bradys "Puppengrab" war eher so als Zeitvertreibsbuch gedacht, an das ich keine großen Erwartungen gestellt habe. Tatsächlich war ich aber bereits nach wenigen Seiten sehr überrascht, wie spannend sich die Story entwickelt. Zur Mitte des Buches konnte ich mir kaum noch vorstellen, wie man das bisher Gelesene noch steigern könnte, musste mich dann aber von der Autorin belehren lassen, dass sie doch noch den einen oder anderen Trumpf im Ärmel hatte.
    Die Story selbst ist relativ simpel gestrickt, was aber vielleicht auch das große Plus des Buches ist. Wir haben einen Serientäter, der im Grunde jedes Klischee erfüllt, welches man durch Film, TV und Thrillerliteratur zu kennen glaubt, auch die Hinweise auf seine ehemals verschwundene Schwester Jenny hat man schnell umrissen, wenn man jedoch am Ende hier ebenfalls noch eine kleine Überraschung erleben darf. Im Mittelpunkt steht die hübsche Beth, allein erziehende Mutter einer kleinen Tochter - Abby -, die sich ein perfektes Bilderbuchvorstadtleben aufgebaut hat. Ein hübsches Haus mit nett bepflanztem Vorgarten, selbstgebackene Kekse in der Küche, und ein gut bezahlter Job als Puppenexpertin in einen Antiquitätenunternehmen. Doch ihr Keller ist ein Trainingsraum, die Frau beherrscht Kampfsportarten und geht regelmäßig zum Schießstand, immer vorbereitet - nur auf was? Das beantwortet sich, als die erste Frau von Chevy Bankes ermordet wird und dieser nach seiner Tat Beth anruft, und somit auch ungewollt das FBI auf Beth aufmerksam macht, die ihrer Geschichte eines zufälligen perversen Anrufers keinen Glauben schenken. Besonders Ex-Agent Sheridan, der aufgrund seiner Vorgeschichte als Experte zu dem Fall hinzugezogen wird, durchschaut Beth schnell und verliebt sich natürlich in sie. Ihm gelingt es, Beth langsam ihr wohlgehütetes Geheimnis zu entlocken, während Chevy Bankes ihr immer näher kommt.
    Insofern keine neuartige Story, aber dadurch hat Kate Brady Zeit, sich um ihre Figuren zu kümmern, denen sie - selbst denen am Rande - Leben einhaucht. So stereotyp und teilweise sogar fast schmalzig beispielsweise die sich entwickelnde Liebesgeschichte zwischen Beth und Neil auch ist, es macht Freude, diese zu lesen, weil die Charaktere so lebendig sind, dass man sie fast vor seinem inneren Auge sehen kann. Die Dialoge sind für einen dieser reißerischen Thriller ziemlich gut geraten, und die Spannungskurve geht steil nach oben. Im letzten Drittel war ich dann schon fast soweit, dass ich einige Absätze, die irgendwie nur beschreibend und für den Handlungsverlauf eher unwichtig schienen, nur noch überflogen habe, um das Wesentliche - die Auflösung - möglichst schnell lesen zu können. Das macht dann für mich auch einen guten Thriller aus. Der muss nicht nachhaltig sein oder wegweisend, aber für den Moment des Lesens möchte ich unterhalten werden und kurz vor Schnappatmung sein.

    Fazit:
    Gelungener Serienkiller-Thriller, typisch reißerische US-Schreibweise zwar, aber sehr unterhaltsam und spannend.

    Wertung: 8 v. 10 Pkt

    "Puppengrab"
    Autor: Kate Brady

    Taschenbuch
    : 453 Seiten, Knaur, broschiert, 1. Auflage September 2011, ISBN-10: 3426652153, ISBN-13: 978-3426652152
    Genre: Krimi, Thriller, Serienkiller

  • Irrlichter - von Helga Beyersdörfer

    irrlichterDer Frankfurter Alexander Laroche kommt nach Worpswede, um auszuspannen. In einer einsamen - weil vor Bauabschluss pleite gegangenem Investor - Luxusanlage, die von Hausmeister Peter Laroche in Stand gehalten wird, bis sich ein neuer Investor mit neuem Konzept findet, will er für zwei Monate ein kleines Chalet bewohnen und sich mit der Geschichte Worpswedes und seiner Künstler beschäftigen. Doch gleich bei seiner Ankunft muss er erfahren, dass einer der beiden Geschäftsführer von damals erhängt an einem Baum im Park der Residenz aufgefunden wurde. Falko Schell - Alexander glaubt seinen Ohren nicht zu trauen, sein ehemaliger Kumpel aus Jugendzeiten? Die Neugier fängt an zu kribbeln, schlimmer wirds, als auch der zweite Geschäftsführer Bruno Maron erschlagen an der Hamme aufgefunden wird, auch dieser ein ehemaliger Weggefährte Alexanders. Was passiert hier, ist Alexander auch in Gefahr, hat sich nur einer der betrogenen Investoren und Gläubiger an den beiden gerächt, und was treibt der jähzornige Hannes Bichler für ein Spiel, der angeblich bei Marons Leiche gesichtet wurde?


    Wofür so ein Friseurbesuch doch gut ist. Kann ich DonJuon's verspäteten Nikolauswunsch erfüllen und diese Woche noch ne kleine Buchrezi schreiben. Glücklicherweise stand es mir offen, was ich lese, insofern habe ich mir gestern das dünnste Buch auf meinem riesigen Lese-Stapel gegriffen und mir damit die lange Wartezeit auf eine gescheite Frisur vertrieben.

    Helga Beyersdörfer hat offenbar ihr Herz an Worpswede verloren - die norddeutsche Stadt im Teufelsmoor unweit von Bremen mit ihrer kunstgeschichtlichen Vergangenheit, die mir als Kunstbanause nicht viel sagte, wenn ich auch Begriffe und Namen wie Künstlerkolonie, Otto Modersohn, Paula Becker und Heinrich Vogeler schon mal gehört habe. Für Unwissende wie mich flicht Beyersdörfer immer wieder interessante Informationen über die Worpsweder Vergangenheit ein und nimmt auch Bezug auf die aktuelle Neugestaltung der kleinen Stadt. Aber sie macht dies ganz beiläufig, ohne dass es jemals belehrend wirkt.
    "Irrlichter" ist eine Kriminalgeschichte, die ganz ohne polizeiliche Ermittler oder Hobbydetektive auskommt. Obwohl es sich um eine Mordserie mit durchaus dramatischem Hintergrund handelt, agieren die Protagonisten eher aus Interesse, vor allem der Lehrer im Frühruhestand Alexander Laroche aus Frankfurt, den es zur Entspannung nach Worpswede gezogen hat und dort mit den Geistern aus seiner Vergangenheit konfrontiert wird. Dabei geriert er sich nie als männliche Miss Marple, sondern mag es einfach nur nicht angeschwindelt zu werden, was dazu führt, dass er immer weiterbohrt, um seine persönliche Neugier zu befriedigen. Einen etwas bockigen aber sympathischen Co-Ermittler erhält er mit dem Hausmeister Peter Chamisso, später auch mit dem Dorfwirt Piet und der Hannoveraner Hebamme Sofie nebst deren aufgeweckten Sohn Julian. Sie alle bringen die kleinen Puzzlestücke der Mordserie zu einem Ganzen zusammen, dabei völlig unaufgeregt, mit ein paar Geheimnissen, einem guten hugenottischen Rotwein dazwischen und einem süßen Boxerwelpen.
    Während der ganzen Geschichte bleibt die Polizei eine Randnotiz, da wird auch nicht in irgendwelchen Häusern rumgeschnüffelt, sondern die Schlussfolgerungen ergeben sich in den jeweiligen Gesprächen.

    Fazit: Ein kleiner netter Krimi mit Lokalkolorit für zwischendurch, sicher kein perfektes Buch und mit 257 Seiten (ohne die Leseprobe am Ende) auch überschaubar, aber sehr angenehm zu lesen und kurzweilig.

    Wertung: 6 v. 10 Pkt

    "Irrlichter - Ein Worpswede Krimi"
    Autor: Helga Beyersdörfer

    Taschenbuch
    : 257Seiten, Knaur TB Verlag; 1. Auflage November 2011, ISBN-10: 3426508621, ISBN-13: 978-3426508626
    Genre: Krimi

  • Lesen - Ich kann es noch ("Spielwiese" & "Steirer Blut")

    Meine Mini-Entzündung im rechten Handgelenk hatte doch etwas Gutes - weniger Tippen und Klicken in der Freizeit, dafür wieder mehr Lesen. Ich habe es doch erstaunlicherweise in den letzten zwei Wochen geschafft, zwei Bücher von dem riesigen ToDo-Stapel in meinem Wohnzimmer "abzuarbeiten". Logischerweise waren das die neuesten, die hinzugekommen sind. Zwei Krimis, nicht meine "normale" Buchkost, die sich sonst mehrheitlich in Richtung Fantasy, Horror, etc. bewegt.
    Da wären:

    SpielwieseFranziska Steinhauer - "Spielwiese"
    Eine männliche Leiche auf einem Feld in der Niederlausitz - als menschliche Vogelscheuche an ein hölzernes Kreuz gebunden - ruft Hauptkommissar Peter Nachtigall auf den Plan. Kurze Zeit später wird ein zweiter Toter entdeckt, diesmal am Elbufer in Dresden. Beide Opfer waren beruflich im Frauenfußball engagiert. Aus mysteriösen Botschaften wird zudem klar: Es soll weitere Morde geben. Alles deutet darauf hin, dass die Taten mit der anstehenden Frauenfußball-WM in Deutschland in Zusammenhang stehen ... (offizieller Klappentext).


    Puh. Brutale Morde, die als Kreuzigungen inszeniert werden, das klingt eigentlich ganz vielversprechend, und gerade die Handlungen eines Serientäters lassen normalerweise viel Spannung aufkommen. Aber Franziska Steinhauer, die ihren Kommissar Nachtigall (!!ickhördirtrapsen) hiermit ein siebtes Mal auf die Mörderhatz schickt (die anderen sechs kenne ich nicht), schildert diesen Kriminalfall leider fürchterlich plump. Dagegen ist das peinliche Buchcover noch gelungen. Motiv und Schilderung der Ermittlungen als auch der Taten sind total an den Haaren herbeigezogen. Man hat permanent das Gefühl, der Gmeiner Verlag hätte seiner Autorin geraten, im Jahr der Frauenfußball-WM doch einen Krimi zu schreiben, der irgendwie auch nur im Ansatz damit in Verbindung gebracht werden kann. Dabei hat es mit der WM (ist das ein Spoiler?) tatsächlich rein gar nichts zu tun, da führt einen der obige Klappentext ganz bewusst auf die falsche Fährte. Motiv, Täter und Opfer hätten auch jeden anderen sportlichen Hintergrund haben können, und die Ereignisse spielen ein ganzes Jahr vor der WM.
    Schade auch, dass man vom Kommissar und seinem Team so wenig erfährt, hat man die vorherigen Bücher gelesen, eröffnen sich einem vielleicht die Feinheiten der Charaktere, aber Steinhauer gelingt es nicht, für Neueinsteiger ihre Figuren so zu gestalten, dass man weiß, wie sie ticken, einzig Nachtigalls Mitarbeiter Wiener kommt menschlich rüber, zumal er kurzzeitig auch um die eigene Freundin fürchten muss und mit seinem immer wieder durchbrechenden badischen Dialekt sympathisch wirkt.
    "Spielwiese" ist nun nicht so schlecht, dass man das Buch am liebsten sofort weglegen würde, also für den Arbeitsweg in der Bahn morgens und abends kann man das schon ganz gut lesen, ich hab in dem Fall auch kein Geld dafür ausgegeben, insofern hab ich mich sicher nicht geärgert. Aber spannend, gut geschrieben und vor allem originell geht anders.

    Wertung: 4 v. 10 Pkt

    "Spielwiese - Peter Nachtigalls siebter Fall"
    Autor: Franziska Steinhauser

    Taschenbuch
    : 372 Seiten, Gmeiner Verlag; 2. Auflage Februar 2011, ISBN-10: 9783839211342, ISBN-13: 978-3839211342
    Genre: Krimi

     

    Steierer BlutClaudia Rossbacher - Steirerblut: Ein Alpen-Krimi
    Als Abteilungsinspektorin Sandra Mohr vom LKA in Graz ausgerechnet in die steirische Krakau gerufen wird, um in einem rätselhaften Vergewaltigungs- und Mordfall zu ermitteln, ist sie alles andere als begeistert. Schließlich hat sie ihrer Heimat nicht ohne Grund vor Jahren den Rücken gekehrt. Die Suche nach dem Mörder der Journalistin Eva Kovacs, deren nackte, grausam zugerichtete Leiche im Wald aufgefunden wurde, gerät für sie zur Konfrontation mit einer verschworenen Dorfgemeinschaft, aber auch mit der eigenen Vergangenheit ...  (offizieller Klappentext).


    Der nächste Krimi aus dem Gmeiner Verlag. "Steirerblut" steht in der österreichischen Bestsellerliste (Taschenbuch) wohl recht weit oben. Im direkten Vergleich zum obigen "Spielwiese" ist Claudia Rossbachers Krimi auch um Längen besser gelungen. Für mich als Berliner (oder Ex-Niedersachsener) ist es tatsächlich spaßig gewesen, so ein bisschen steirisch-dörfliche Lebensart beim Lesen mitzubekommen, das hat mir gut gefallen, ebenso wie die durchaus interessanten Charakterisierungen des Ermittlungsteams Mohr/Bergmann. Bei beiden stellt sich Sympathie seitens des Lesers nicht sofort ein, und auch später eingeführten Figuren wie etwa Mohrs Jugendliebe Max im heimischen St. Raphael hängt etwas leicht Zwiespältiges an. Bei Rossbachers Personen fühlt man sich nie sicher und erwartet fast, dass sie etwas völlig Unvorhergesehenes tun, das hebt die Spannung in dem ansonsten eher "ordentlichen" Krimi. Interessant empfand ich auch Sandra Mohrs familiäre Verwicklungen, ihr aggressiver Halbbruder und die komplett durchgeknallte Mutter, bei dem Familienhintergrund kann man der Inspektorin gratulieren, dass sie einigermaßen normal geblieben ist.
    Trotz dass man schon relativ früh ahnt, wer den Mord an Eva Kovacs begangen hat, sind die kleinen, eingebauten Storyschlenker ganz nett, wenn sie einen auch nicht wirklich auf eine falsche Fährte führen.
    Am Ende war ich sowohl mit dem Ergebnis als auch mit dem Team Mohr/Bergmann zufrieden, und als Krimihappen zwischendurch taugt "Steirerblut" allemal.

    Wertung: 6 v. 10 Pkt

    "Steirerblut - Ein Alpen-Krimi"
    Autor: Claudia Rossbacher

    Taschenbuch
    : 273 Seiten, Gmeiner Verlag; 2. Auflage Februar 2011, ISBN-10: 9783839211366, ISBN-13: 978-3839211366
    Genre: Krimi

  • "Horror als Alltag - Texte zu Buffy" - Ein schräger Abend (ohne Buffy)

    horror_als_alltagJa, das war gestern ein seltsamer Abend. Dank der Teilzeitberlinerin hatten wir Karten für eine Lesung in der Kreuzberger Kneipe Monarch am Kotti. Hier mal die offizielle Beschreibung:
    "Horror als Alltag - Texte zu Buffy, The Vampire Slayer
    Buffy ist ein Mädchen, das Dämonen mächtig auf die Mütze gibt. Herrschaftliche Strukturen, die in der Real World so schwer zu fassen sind, erhalten ein Gesicht, in das man schlagen kann. Soweit so schön, aber leider nur für den Zuschauer. Denn Buffy selbst kriegt durch ihren "Job" ganz andere Probleme in der Highschool, später im College und im dämonenfreien Teil ihres Alltags. Und zwar solche, die man nicht verprügeln kann. Hier hat die Struktur kein Gesicht mehr. Im Medium des Phantastischen werden so Heteronomie-Erfahrungen auf eine verbindliche Weise thematisiert, wie es vermeintlich authentischen Abbildern und moralischem Bildungsfernsehen nicht möglich ist. In zehn Artikeln streitet das Buch auch darüber, ob sich der kritische Gehalt der Fernsehserie an ihren Kunst- oder aber gerade an ihren Kulturindustriecharakter binden lässt. Mit Beiträgen von Carmen Dehnert, Dietmar Dath, Heide Lutosch, Jakob Schmidt, Jasper Nicolaisen, Lars Quadfasel und anderen."

    Für Buffy-Fans, zu denen wir uns zählen, also durchaus interessant. Ich hab damit gerechnet, dass die Serie analytisch auseinandergenommen wird, mit Betrachtungen über die unterschiedlichen Ebenen, auf denen Buffy einerseits als Horrorserie andererseits aber auch Darstellung des Erwachsenwerdens hervorragend funktioniert, die Mischung aus ernsthaften Problemen des Aufwachsens und der Übernahme von Verantwortung sowie der durchaus alberne Humor bis hin zu einer hinreißenden Musicalfolge. Zu Gast waren Lars Quadfasel, Carmen Dehnert und noch eine Dame, deren Namen ich nicht verstanden hab, und die glaube ich auch - zumindest so lange wir da waren - nix gesagt hat.
    Im Vorfeld wurde über die Entstehung des Buches (siehe Link oben) gesprochen, da muss es eine Buffy-Konferenz vor ein paar Jahren gegeben haben, mit Vorträgen und Aufsätzen, die sich teilweise in dem Buch wiederfinden, wenn ich das richtig verstanden habe. Die Redner haben aber beschlossen, auf eine eigentliche Lesung aus dem Buch zu verzichten und stattdessen ein Gespräch zu führen. Herausgeber Quadfasel hat seinem Namen alle Ehre gemacht, zwischendurch völlig aus dem Zusammenhang gerissene Abschnitte aus dem Buch heruntergenuschelt, so dass sie kaum verständlich waren und dabei Fragen in den Raum geworfen, die an Lächerlichkeit nicht zu überbieten waren. Auf diese Fragen antwortete eine der Autorinnen dann völlig unvorbereitet, nuschelte ebenfalls rum, verhakte sich in ihren Sätzen, und wusste selbst nicht mehr, was sie sagen wollte.
    Wirklich mit der Serie - also inhaltlich - hat sich dabei keiner der beiden beschäftigt. Es ging letztlich einzig und allein darum, Rechtfertigungen dafür zu finden, dass man die Serie mag. Rechtfertigungen, die meiner Meinung nach völlig unnötig sind. Warum muss man sich für eine Serienvorliebe verteidigen? Die ganze "moderierte Selbsthilfegruppe" fußte auf die anfangs gemachte These, dass jeder Buffy-Fan anecken würde, wenn er anderen Leuten davon berichtet, diese Serie zu mögen.
    Ist mir ehrlich gesagt noch nicht passiert. Weiter wurde argumentiert, dass man kaum in der Lage wäre, innerhalb von wenigen Minuten dem Gesprächspartner zu umreißen, was für einen diese Serie ausmacht. Also ich kann das, brauche ich keine drei Minuten für. Weiter wurden allen Ernstes Vergleiche zu Goethe gezogen. Argument: hier bräuchte man sich nicht zu "schämen" oder zu erklären, warum man dessen Werke mag, weil "Kunstprodukt" und nicht für einen bestimmten Markt produziert, also nicht kommerziell. Also wenn Goethe für seine Zeit nicht kommerziell war, dann weiß ich nicht...
    Im folgenden Frage-Antwort-Spiel zwischen Herausgeber und der einen Autorin wurde dann versucht, in die Serie Bedeutung reininterzupretieren ohne Ende. Natürlich gibt es in JEDER Serie Parallelen zur Realität. Und natürlich kann man viele Handlungsstränge in "Buffy" als Spiegelung des richtigen Lebens verstehen, halt eben angereichert durch Vampire, Dämonen, etc. Das machte den Reiz der Serie ja auch immer aus. Sich daran dann aber verzweifelt festzuklammern, um eine Begründung fürs Fandasein zu haben, finde ich etwas krank. Man hätte glauben können, hier wäre es um politische oder religiöse Weltanschauungen gegangen und nicht um ein TV-Programm. Ich musste die ganze Zeit denken, wäre Joss Whedon im Raum und könnte deutsch verstehen, der würde sich lachend auf dem Boden rollen. Da gab es dann Gesprächsfetzen wie: "Da sitzen Buffy und ihre Freunde, wollen ne Pizza essen und werden dann von einem Monster gestört" - genau: wie im richtigen Leben, da wird man auch in den unpassendsten Momenten unterbrochen. Darauf die Autorin, die differenzieren wollte "also ich sehe das etwas anders, natürlich ist es blöd, wenn man beim Pizza essen gestört wird, aber..." den Rest hab ich nicht mehr gehört, weil ich mich mehr darauf konzentrieren musste, meinen Lachkrampf zu unterdrücken.
    Wir sind nicht lange geblieben, das Bier war lecker, aber für die komplette Lesung hätten wir eine Flasche Wodka pro Person gebraucht. Ob es sich jetzt nun lohnen würde, das Buch zu kaufen und zu lesen, weiß ich nach dieser Veranstaltung immer noch nicht.
    Lustiger Abend. Musste mitunter an "Der bewegte Mann" denken, ein eigentlich blöder Film mit einer wirklich lustigen Szene bei der Männergesprächsrunde. Wenn sich die von der Emanzipation geschundenen Herren darüber unterhalten, ob man  heute eigentlich noch "Titten" sagen kann und es dann am Ende aus ihnen herausbricht "Titten, Titten Titten!!!!" *lach*. Wären wir bis zum Schluss bei der Veranstaltung geblieben, hätten wir wahrscheinlich unsere Fäuste gen Nachthimmel gereckt und gerufen "Wir sind Buffy-Fans. Und stolz drauf!" Nein, sowas brauch ich nicht. Da schau ich mir die Folgen lieber noch mal auf DVD an, hab ich mehr von.

  • Simon Pegg - Nerd Do Well (Ankündigung)

    Wenn ich schon momentan mal wieder eine Leseflaute habe und vor allem immer noch nicht dazu gekommen bin, zu den letzten Büchern, die mir meine Abende versüsst haben, etwas zu schreiben, dann aber doch wenigstens dieser Hinweis:

    Simon Pegg hat seine Autobiografie veröffentlicht. Unter dem Titel "Nerd Do Well" (erschienen am 14.10.2010 in den UK, ab Mitte November dann in USA und Kanada, dt. Termin noch unbekannt) berichtet Pegg über seine Kindheit, erste Schritte in der Branche, seine Freundschaft zu Nick Frost und vermutlich auch darüber wie es ist, ein Genie zu sein *lach*.

    Logisch, dass ich die englische Ausgabe bereits bestellt habe und nun die nächsten 10-14 Tagen (avisierte Lieferzeit) händeringend darauf warten werde... Dann gibts aber auch wieder einen Eintrag hier *lach*.

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