Klappentext: "'Ich bin auf dem Weg. Du musst nur durchhalten. Ich werde Dich retten, Du wirst schon sehen. Ich werde laufen, und Du wirst leben.' Harold Fry will nur kurz einen Brief einwerfen an seine frühere Kollegin Queenie Hennessy, die im Sterben liegt. Doch dann läuft er am Briefkasten vorbei und auch am Postamt, aus der Stadt hinaus und immer weiter, 87 Tage, 1000 Kilometer. Zu Fuß von Südengland bis an die schottische Grenze zu Queenies Hospiz. Eine Reise, die er jeden Tag neu beginnen muss. Für Queenie. Für seine Frau Maureen. Für seinen Sohn David. Für sich selbst. Und für uns alle.
Ein ganz außergewöhnlicher und tief berührender Roman über Geheimnisse, besondere Momente und zufällige Begegnungen, die uns von Grund auf verändern. Über Tapferkeit und Betrug, Liebe und Loyalität und ein ganz unscheinbares Paar Segelschuhe."
Manchmal ist es ja ganz interessant, wie man überhaupt auf die Idee verfällt, ein bestimmtes Buch zu lesen. Ich bin niemand, der die Belletristik-Charts durchguckt und sich dann die erfolgreichsten Bücher aussucht, meist lasse ich mich treiben, lass mir gerne was empfehlen. So surfte ich neulich auf der Amazon-Seite durch die Bücherauswahl und las dieses Brigitte-Zitat: "»An alle, die durch sind mit dem ›Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg‹: Macht euch mit Rachel Joyce auf ›Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry‹. Der ist zwar erst 65, verschwindet aber genauso aufsehenerregend.«" Da mir ja der "Der Hundertjährige..." extrem gut gefallen hatte, dachte ich, warum nicht?
Ich hab jetzt keine Lust nachzuschauen, aus welchem Kontext dieses Zitat herausgelöst wurde, denn diese beiden Bücher kann man überhaupt nicht miteinander vergleichen. Die einzige Ähnlichkeit besteht darin, dass da zwei alte Herren recht unvermutet auf Reisen gehen, aber aus völlig unterschiedlichen Motivationen heraus und mit gänzlich anderem Hintergrund. Während "Der Hundertjährige..." eine Art Forrest Gump auf Speed ist, fantasievoll, unglaublich witzig und schelmisch, ist "Harold Fry" dramatisch und berührt den Leser bis ins Mark (also mich zumindest).
Da ist also dieses Rentnerpaar - Harold, der jahrzehntelang für eine lokale Brauerei als Außendienstler gearbeitet hat, und Maureen, die Ehefrau, die sich in der Zeit um Haus und Sohn gekümmert hat. Beide bewohnen ein Häuschen im südlichen England, und schon bei ihrem ersten Dialog weiß der Leser, dass dies schon lange keine liebevolle Ehe mehr ist, sondern nur noch ein Nebeneinanderherleben. Völlig überraschend erreicht Harold dann ein Brief seiner ehemaligen Kollegin Queenie. Seit zwanzig Jahren besteht kein Kontakt mehr zwischen ihnen, aber ihre wenigen Zeilen, in denen sie sich von ihm verabschiedet, weil sie unheilbar an Krebs erkrankt ist, lösen etwas in ihm aus, etwas, das er in dem Moment selbst noch nicht überschauen kann. Er will ihr antworten, aber mehr als ein "Liebe Miss Hennessy, es tut mir sehr leid. Danke für Ihren Brief und Alles Gute..." fällt ihm nicht ein. Als er diesen Antwortbrief zum nächsten Briefkasten bringen möchte, läuft er einfach weiter, immer weiter, ohne zu wissen, wohin und warum. An einer Tankstelle macht er Halt und unterhält sich mit der leicht apathischen Bedienung, die ihm ohne es zu ahnen, einen Floh ins Ohr setzt. Plötzlich steht Harold in einer Telefonzelle, ruft im Hospiz in Berwick upon Tweed an, wo Queenie untergebracht ist, und sagt den Nonnen, er käme zu Fuß, und solange er unterwegs sei, soll Queenie leben.
800 km vor sich, bekleidet in einem einfachen Anzug, Segelschuhen, ohne Handy, ohne Stadtplan, läuft Harold einfach los.
Ein Trip, der für ihn physisch und psychisch zur Zerreißprobe wird. Aber nicht nur für ihn, auch der Leser erlebt ein Wechselbad der Gefühle.
Auf seiner Reise wandelt sich die erste Unsicherheit in pure Euphorie, um dann wieder in Angst bis hin zur Verbissenheit und zum Ende, wenn Körper und Geist völlig erschöpft sind, in Verzweiflung und blindem Taumel zu wechseln. Er trifft auf Menschen, die mit ihm ihre persönlichsten Geschichten teilen, ihn berühren, ihm - ohne Gegenleistung zu verlangen - helfen, weil er und seine Hingabe sie faszinieren, auch ihnen vielleicht neue Hoffnung gibt. Für kurze Zeit wird er zum Medienstar und Beinahe-Messias und zieht falsche Jünger an, die nicht eine Sekunde lang begreifen, was ihn antreibt.
Während seines Fußmarsches tritt Harold aber auch eine Reise zu sich selbst an. Er reflektiert über seine Vergangenheit, seine Fehler, Ängste, sein Versagen im Hinblick auf seine Ehe zu Maureen und seinem Sohn David. Und mit diesen Erinnerungen erfahren wir als Leser immer mehr über Harold, und man kommt einfach nicht umhin, großen Anteil daran zu nehmen, wie er Chancen verpasste, schon als kleiner Junge von seinen lieblosen Eltern darauf geeicht wurde, nicht aufzufallen, um irgendwann zum Zaungast seines eigenen Lebens zu werden.
Ähnliches erlebt Maureen zuhause. Seit über vierzig Jahren an seiner Seite ist sie völlig perplex, als er sie von unterwegs anruft und ihr mitteilt, dass er spontan England von Süden gen Norden durchquert. Fassungslosigkeit wird abgelöst von Wut und dann von dem Gefühl der totalen Einsamkeit. Auch sie beginnt parallel über die letzten Jahre nachzudenken, räumt eigene Fehler ein und kann vielleicht einen wichtigen Schlussstrich ziehen.
Ich persönlich habe dieses Buch als ziemlich schmerzvoll erlebt. Ich könnte gar nicht sagen, dass dies eine "schöne" Geschichte ist, dafür tut sie an manchen Stellen einfach zu weh, aber sie ist wundervoll und sehr berührend geschrieben, so sehr, dass ich meinen Kindle mitunter weglegen musste, um in der U-Bahn keinen Weinkrampf zu bekommen. Und ich sag mal so, auch trotz dass ich die Auflösung der Vergangenheit von Maureen und Harold recht früh erkennen und mich dafür wappnen konnte, war ich am Ende fix und fertig. Vielleicht hat mich das Schicksal der beiden so getroffen, weil ich in ihrem Verhalten leichte Parallelen erkannt habe - zu Menschen, an denen mir etwas liegt (möchte hier nicht ins Detail gehen, weil zu persönlich), aber ich glaube, ich habe mit jahrzehntelanger Verspätung manche Situation plötzlich begriffen oder aus der richtigen Perspektive gesehen, die sich mir als Kind nicht eröffnet hat. Und ich hatte zwischendurch das Gefühl, einer Generation nahe zu kommen, mit der ich sonst keinerlei Berührungspunkte habe.
Fazit: Kein Buch für den schnellen Genuss zwischendurch oder dem Strandurlaub, sondern eher eine Studie über Lebenslügen, verpasste Chancen und ein Plädoyer dafür, dass es nie zu spät ist, sein Leben in die eigene Hand zu nehmen und es lebenswert zu gestalten.
Wertung: 9 v. 10 Pkt
"Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry" (Kindle-Edition)
Autor: Rachel Joyce
Broschiert: 384 Seiten, Krüger, Frankfurt; Auflage: 2 (14. Mai 2012), ISBN-10: 3810510793, ISBN-13: 978-3810510792
Genre: Drama, Familie



Klappentext: "Ein anonymer Anruf versetzt Beth Denison in Angst und Schrecken. Bislang war sie überzeugt, sich, ihr Kind und ihr neues Leben gut schützen zu können, denn die alleinerziehende Mutter und Antiquitätenexpertin trainiert schon seit Jahren Kickboxen und den Umgang mit Waffen. Doch nun scheint die Vergangenheit sie einzuholen: Erinnerungen kommen hoch, die Beth eiskalte Schauer über den Rücken jagen. Der Anrufer ist nicht irgendein Spinner, diese Gewissheit trifft sie wie ein Faustschlag. Es ist der Mann, vor dem sie quer über den ganzen Kontinent geflüchtet ist. In Todesangst sucht sie nach einem Ausweg für sich und ihre kleine Tochter Abby. Als Beth schließlich von FBI-Agent Neil Sheridan zu zwei Mordfällen befragt wird, die mit ihrer Handynummer in Verbindung zu stehen scheinen, ist die sonst so Unnahbare plötzlich froh, den Agent an ihrer Seite zu haben. Sheridan hingegen ist irritiert, ist Beth tatsächlich völlig ahnungslos, oder treibt sie ein perfides Spiel mit der Polizei?"
Der Frankfurter Alexander Laroche kommt nach Worpswede, um auszuspannen. In einer einsamen - weil vor Bauabschluss pleite gegangenem Investor - Luxusanlage, die von Hausmeister Peter Laroche in Stand gehalten wird, bis sich ein neuer Investor mit neuem Konzept findet, will er für zwei Monate ein kleines Chalet bewohnen und sich mit der Geschichte Worpswedes und seiner Künstler beschäftigen. Doch gleich bei seiner Ankunft muss er erfahren, dass einer der beiden Geschäftsführer von damals erhängt an einem Baum im Park der Residenz aufgefunden wurde. Falko Schell - Alexander glaubt seinen Ohren nicht zu trauen, sein ehemaliger Kumpel aus Jugendzeiten? Die Neugier fängt an zu kribbeln, schlimmer wirds, als auch der zweite Geschäftsführer Bruno Maron erschlagen an der Hamme aufgefunden wird, auch dieser ein ehemaliger Weggefährte Alexanders. Was passiert hier, ist Alexander auch in Gefahr, hat sich nur einer der betrogenen Investoren und Gläubiger an den beiden gerächt, und was treibt der jähzornige Hannes Bichler für ein Spiel, der angeblich bei Marons Leiche gesichtet wurde?

